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Vom >>DaSein<< eines >>Aufschneiders<<

Bernd HARLEM Fischle ist der gnadenlose Heimatdichter sozialen Klasse, die nie an Aufstieg denken mochte, höchstens daran, wer die nächste Runde schmeißt.

 

Von Peter O. Chotjewitz

 

Der Dichter Bernd Fischle trat erstmals 1981 vor die Öffentlichkeit mit dem Gedichtband Aus der Hüfte kommt der Schwung. Herausgeber waren der 1995 jung verstorbene Romancier und Lyriker Manfred Esser und der Programmierer Wolfgang Kiwus, der aber noch lebt. Außer Fischle, der sich einem längeren Aufenthalt in den USA 1986 HARLEM nennt, publizierten in der Edition des Künstlerhauses Stuttgart, kurz: EKS, unter anderen Helmut Mader, Josef Achatz, Hans-Peter Breuer, Manfred Esser und Elmar Podlech -Autoren also von Weltliteratur auf der erdabgewandten Seite der Geschichte. In der Kathedrale meines Herzens wird immer eine Kerze für sie brennen. - Von HARLEM erreichen mich seit Jahren Gedichte. Die Texte, die so etwa alle drei Monate In meinem Briefkasten liegen, sind fotokopierte Typoskripte, vermutlich mit der Schreibmaschine geschrieben. Auf ihrer Rückseite oder beigeheftet befindet sich zumeist ein ebenfalls kopiertes Foto. Das letzte Foto stammte aus dem >>Rolling Stone<<Nr. 63/2008 und zeigt offensichtlich einen Bluessänger. Er hält eine Whiskeyflasche an den Mund. Um den Hals hängt eine akustische Gitarre. Er sieht aus wie einige Zeilen von HARLEM, dem >>Negerdichter<<. - Dessen Briefe haben stets zwei Besonderheiten. Wir leben in derselben Stadt, wir könnten uns treffen, im Biereck zum Beispiel, doch begegnen wir uns nur alle paar Jahre. Mal auf der Straße, mal im Plattenladen. Einmal hatten wir auch was zu bereden. HARLEM arbeitet bei der Jugendgerichtshilfe, und eines Tages lag eine Akte auf seinem Schreibtisch, und si rief er mich an, um zu fragen, ob die Angeklagte mit mir verwandt sei. -Ich mag seine Briefe nicht nur wegen des Gedichts, das mich erwartet. Der Umschlag im Format DinA4 ist stets beklebt. Meistens Fotos, Wörter und Wortfolgen, die er aus Tageszeitungen ausschneidet. Sorgsam lese ich das Gedicht, das mich über die Highlights seines >>DaSeins<< unterrichtet, betrachte das Foto, das zumeist einen Schwarzen darstellt, und lese die fotokopierten Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften, die dem Gedicht beiliegen und stets von Nutzen sind. - Nun sind also einige der Texte, die ich in den letzten Jahren gelesen und genossen habe, in Einem Bändchen beim Asperger Verlag Killroy-Media erschienen. Asperg, wir erinnern uns: Erst keltischer Fürstensitz, dann Haftanstalt für Widerstandskämpfer von Schubart bis Irmgard Möller. Viele Gefangene aus der RAF lagen auf dem Asperg im Gefängniskrankenhaus. - Gedichte 1992 bis 2009 heißt es im Untertitel. Das mag verwundern, wen es will, auch der Verlag hält es richtig zu erklären, warum nur 37 Gedichte aus siebzehn Jahren in dem Bändchen enthalten sind. Ich zitiere aus dem Klappentext: Seit 1992 schreibt HARLEM Fischle alle drei Monate eines seiner Hinterhofgedichte. Eine Auswahl bietet das vorliegende Buch. Schauplatz der Prosagedichte ist meist die Kneipe Biereck, ihr Motor die Stammkundschaft und deren Schlagabtausch sowie die vorgestellten Abbildungen. Mit Ironie, Besinnlichkeit und schwarzem Humor führt uns der Autor durch die schwäbische Vorstadt und nach Harlem ? auf einen Stadtbummel ins Imaginäre, in die Schwerelosigkeit Von Freiheitssehnsucht. Mit anarchischem Aufbegehren erzählt Bernd HARLEM Fischle Vom großen Feierabend glücklicher Verlierer und glückloser Gewinner. - Zur Biographie des Verfassers: HARLEM ist Mitte fünfzig, würde ich sagen, in Gaisburg Und Ostheim aufgewachsen und lebt mit seiner >>Urwaldkönigin<<, für die er nur liebe Worte kennt, und einem Tier, das in seinen Briefen als >>PDS-Hund Kurtle Knurr<< firmiert, im Bezirk Bad Cannstatt, der, wie gebildete Menschen wissen, bereits vor 300.000 Jahren besiedelt war ? also auf menschheitsgetränktem Boden steht im Gegensatz zum Pflaster im benachbarten Dorf Stuttgart, dessen Einwohner heute noch auf allen vieren laufen, wenn sie nicht am Prenzlauer Berg das Kriechen üben. - Gaisburg und Ostheim waren zwei Arbeitersiedlungen im Stuttgarter Osten, später Ghettos für italienische Malocher. Inzwischen wurde der Migrationshintergrund, vor allem entlang der Magistralen, stark zum Nahen Osten hin diversifiziert. Wer hier in den fünfziger, sechziger Jahren im Schatten des Gaskessels aufgewachsen ist, lernte soziale Bodenhaftung und weiß, daß Heimat viel mit Brachen und Hinterhöfen zu tun hat, mit Brutalität und Verzweiflung, großer Not und kleinem Glück. Für den liegt Harlem gleich um die Ecke. - Man kann natürlich auch wegziehen und den Aufsteiger mimen, die Heimat verraten. Doch das wäre nicht HARLEMS Ding. Er war von Anfang an der gnadenlose Heimatdichter der sozialen Klasse, die nie an Aufstieg denken mochte, höchstens daran wer die nächste Runde schmeißt und ob man am Sonntag mal wieder rauf ins >>Kommunistenwaldheim<<, das >>Waldheim Gaisburg<<, wandern sollte, wo HARLEM Anfang der achtziger Jahre zum ersten Mal mit seinen Gedichten wedelte. - Esser hat dieser Gegend seinen Osten-Roman gewidmet, den Heissenbüttel gelobt hat. Die zwei sind Brüder im Herzen, der linke Humus, der in den Stuttgarter Arbeitervierteln Ruhrgebietsstärke hat, Marxisten mit unbrechbarer und unberechenbarer Veranlagung zum sprachlichen Experiment. - Denn HARLEM ist nicht nur Heimatdichter der >>Negerprovinz<<, über die er schreibt, er ist auch ein waschechter Wortakrobat. Nicht Ironie, Besinnlichkeit und schwarzer Humor sind seine Fermente, sondern Ingrimm, der Döblin dazu trieb, Berlin Alexanderplatz zu schreiben und H. C. Artmann seine Heimatgedichte med oana schwoazn dindn über seinen Geburtsort Breitensee, ein Armeleuteviertel in der Wiener Vorstadt. - HARLEMS Lehrer, mit denen er in vielen Texten gleichgezogen hat, sind (außer Artmann und ein paar Europäern wie Hermann Peter Piwitt) US-amerikanische Poeten wie Lawrence Ferlinghetti, Ed Sanders, Allen Ginsberg, Gregory Corso, egal, ob er jetzt als >>Saftneger<< mit >>BierErnst<< oder als >>AufSchneider<< mit >>VorStadtHeinz<< sich darauf verständigt, dass das Unglück stets perfekt sei, daß Glück aber meistens imperfekt. Sprache verweist stets auf Lebensumstände, Sachverhalte und Begebenheiten, so dass Texte fast immer ? sofern sie nicht flüchtig, hermetisch, esoterisch, abgehoben, und eskapistisch sind ? auch als Chroniken gelesen werden können. HARLEM geht den Schritt weiter, der ihn zum sprachexperimentellen Autor macht. Er wirft uns Wörter nicht einfach hin, mehr oder weniger hübsch angeordnet, und tritt sie nicht mit Füßen, indem er sie als Transportmittel für Story und Message missbraucht. Er schneidet den Wörtern die Bäuche auf und präsentiert die in ihnen enthaltenen Wörter. Er entschleiert ihre Doppelbedeutungen, Paradoxien und Widersprüche. So beginnen die Sätze zu flirren. Die Geschichten verbleiben In HARLEMS >>Negerkreisen<<, wie er sein soziales Umfeld nennt, doch ihre sprachliche Gestalt rückt sie ins Museum der modernen Poesie.

 

Von Peter O. Chotjewitz erschienen im März Fast letzte Erzählungen 3 und 4 (Verbrecher-Verlag) Konkret 2/2010 www.konkret-verlage.de

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